<H1>Phantasie</H1>
Im Folgenden finden Sie eine **Auswahl** von Zitaten aus Texten und Vorträgen Rudolf Steiners zum Thema **Phantasie in der Entwicklung des Kindes**. Durch die verlinkten Quellenangaben am Ende eines Zitats können Sie die Textseite öffnen, der das Zitat entnommen ist.
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## Inhalt
[[#(1) Grundlagen]]
[[#(2) Verschiedenes]]
[[#(3) Kindheit]]
[[#(4) 1. Jahrsiebt]]
[[#(5) 2. Jahrsiebt]]
[[#(6) Lehrer-Kind]]
[[#Literatur]]
## (1) Grundlagen
##### Die Phantasie ist umgewandelte Wachstumskraft, der Verstand durchgesiebte Phantasie. GA 276 20.05.1923
Wenn wir heraufdringen in das Dichterische, fühlen wir so recht uns vor eine große Frage gestellt. Das Dichterische entspringt aus der Phantasie. Die Phantasie stellt für die Menschen gewöhnlich nur das Unwirkliche vor, das, was man sich einbildet, was nicht da ist. Aber welche Kraft äußert sich denn eigentlich in der Phantasie?
Schauen wir, um die Kraft der Phantasie zu verstehen, dazu einmal das kindliche Alter an. Das kindliche Alter hat noch nicht Phantasie. Es hat höchstens Träume. Die frei schöpferische Phantasie lebt noch nicht im Kinde. Sie lebt nicht offenbar. Aber sie ist nicht etwas, was plötzlich aus den Menschen in einem bestimmten Lebensalter aus dem Nichts hervorkommt. Die Phantasie ist doch, nämlich verborgen da im Kinde, obwohl sie sich nicht offenbart, und das Kind ist eigentlich voll von Phantasie. Aber was tut denn beim Kinde die Phantasie? Ja, dem, der mit unbefangenem Geistesauge die Menschenentwickelung betrachten kann, zeigt sich, wie im zarten Kindesalter noch unplastisch im Verhältnis zu der späteren Gestalt namentlich das Gehirn, aber auch der übrige Organismus ausgebildet ist. Das Kind ist innerlich der unglaublichste, bedeutende Plastiker in der Ausgestaltung seines eigenen Organismus. Kein Plastiker ist imstande, so wunderbar aus dem Kosmos heraus Weltenformen zu schaffen, als das Kind sie schafft, wenn es in der Zeit zwischen der Geburt und dem Zahnwechsel plastisch das Gehirn ausgestaltet und den übrigen Organismus. Das Kind ist ein wunderbarer Plastiker, nur arbeitet die plastische Kraft in den Organen als innerliche Wachstums- und Bildekraft. Und das Kind ist auch ein musikalischer Künstler, denn es stimmt seine Nervenstränge in musikalischer Weise. Wiederum ist die Phantasiekraft Wachstumskraft, Kraft der Abstimmung des Organismus selber.
Sehen Sie, wenn wir nach und nach zu dem Zeitalter aufrücken, in dem der charakterisierte Zahnwechsel geschieht, um das siebente Jahr herum, und nachher aufrücken zu dem Zeitalter der Geschlechtsreife, da brauchen wir nicht mehr so viel plastisch-musikalische Kraft als Wachstumskraft, als Bildekraft in uns wie früher. Da bleibt etwas übrig. Da kann die Seele gewissermaßen etwas herausziehen aus der Wachstums- und Bildekraft. Was die Seele dann nach und nach, indem das Kind heranwächst, nicht mehr braucht, um den eigenen Körper als Wachstumskraft zu versorgen, das bleibt übrig als Phantasiekraft. Die Phantasiekraft ist nur die ins Seelische metamorphosierte natürliche Wachstumskraft. Wollen Sie kennenlernen, was die Phantasie ist, studieren Sie zunächst die lebendige Kraft im Formen der Pflanzengebilde, studieren Sie die lebendige Kraft im Formen der wunderbaren Innengebilde des Organismus, die das Ich zustande bringt, studieren Sie alles dasjenige, was im weiten Weltenall gestaltend ist, was in den unterbewußten Regionen des Kosmos gestaltend und bildend und wachsend wirkt, dann haben Sie auch einen Begriff von dem, was dann übrig bleibt, wenn der Mensch so weit in der Bildung seines eigenen Organismus vorgerückt ist, daß er nicht mehr das volle Maß seiner Wachstums- und Bildekraft braucht. Dann rückt ein Teil in die Seele herauf und wird Phantasiekraft. Und erst ganz zuletzt, das Letzte, was übrig bleibt, ich kann nicht sagen der Bodensatz, weil der Bodensatz unten ist, und das, was da übrig bleibt, geht nach oben, ist dann die Verstandeskraft. Das ist die ganz durchgesiebte Phantasiekraft, das Letzte, was übrig bleibt, ich kann nicht sagen der Bodensatz, sondern der Niveausatz, der oben herauskommt: der Verstand. Der Verstand ist die durchgesiebte Phantasie. Das beachten die Leute nicht, deshalb halten sie den Verstand für ein so viel größeres Wirklichkeitselement, als die Phantasie es ist. Aber die Phantasie ist das erste Kind der natürlichen Wachstums- und Bildekräfte selbst. Daher drückt die Phantasie etwas unmittelbar Wirkliches nicht aus, denn solange die Wachstumskraft im Wirklichen arbeitet, kann sie nicht zur Phantasie werden. Es bleibt erst etwas übrig für die Seele als Phantasie, wenn das Wirkliche versorgt ist. Aber innerlich, der Qualität, der Wesenheit nach ist die Phantasie durchaus dasselbe wie die Wachstumskraft. Dasjenige, was unseren Arm von der Kleinheit großer werden läßt, ist dieselbe Kraft wie dasjenige, was in uns dichterisch in der Phantasie, überhaupt künstlerisch in der Phantasie tätig ist in der seelischen Umgestaltung. Das muß man wiederum nicht theoretisch verstehen, sondern man muß es innerlich gefühls- und willensmäßig verstehen. Dann bekommt man vor dem Walten der Phantasie auch die nötige Ehrfurcht, unter Umständen auch gegenüber diesem Walten der Phantasie den nötigen Humor. Kurz, es wird die Anregung für den Menschen geschaffen, in der Phantasie eine in der Welt waltende göttliche Kraft zu empfinden. [GA 276, S. 141–143, 20.05.1923](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga276.pdf#page=141&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Die gestaltende Wachstumskraft im 1. Jahrsiebt wandelt sich nach dem Zahnwechsel in Erinnerungs- und Vorstellungsvermögen um. GA 198 10.07.1920
Was ist denn das eigentlich, was sich da als die Summe unserer Erinnerungsvorstellungen, meinetwillen auch als die Summe unserer Phantasievorstellungen, aus unserem Inneren entwickelt? - Es ist nichts anderes als die Umbildung desjenigen, was, bevor es sich metamorphosiert zu der Kraft der Erinnerung, zu der Kraft der Phantasie, in uns lebt als Wachstumskraft. Was unten im Leibe lebt als Wachstumskraft, wenn es sich von dem Leiblichen emanzipiert, wird geistig-seelisch Erinnerungskraft. Sie wissen ja, bis zum siebenten Lebensjahre, wo der Zahnwechsel eintritt, erscheint im Menschen dieselbe Kraft, die später wohlkonturierte Erinnerungen ausbildet im seelischen Gedächtnis; die arbeitet an seinem Leibe gestaltend. Was zuletzt die Zähne heraustreibt, ist dasselbe, was in uns lebt als Erinnerungs-Vorstellungsvermögen. Kurz, wir haben in dem, was da als Phantasmen in uns lebt, dieselbe Kraft, die eigentlich uns wachsen macht, die unserem organisch werden zugrunde liegt. Wir emanzipieren sie von dem Organismus. Was heißt das? Es verbirgt sich da wiederum ein bedeutsames Lebensrätsel; es heißt: Wir reißen gewissermaßen diese phantasmenbildende Kraft heraus aus unserem Organismus. Denken wir, wir ließen sie drinnen, wie stünden wir dann da in der Welt? Denken Sie sich, alles das, was Sie gewissermaßen innerlich loslösen von Ihrem Organismus, so daß Sie es mit Ihrem Ich, mit Ihrer Persönlichkeit willentlich beherrschen, alles das würde wallen in Ihrem Organismus. Sie würden nicht sagen: Ich will - sondern Sie würden verspüren das Wallen Ihres Blutes, das Sie zu Ihren Bewegungen treibt; Sie würden nicht sagen: Ich ergreife die Feder - sondern Sie würden verspüren den Mechanismus Ihrer Armmuskeln. Sie würden sich drinnenfühlen sich verlierend in der Welt, wenn Sie nicht losreißen würden die Welt der Phantasmen von Ihrem Organismus. Ihre Selbständigkeit verschwände. Was sich in Ihnen bewegt, was in Ihnen lebt, wäre nur eine Fortsetzung innerhalb Ihrer Haut von dem, was draußen wäre. Der Mensch muß sich daher sagen: Da wächst das Gras aus gewissen Kräften heraus außerhalb meiner Haut, innerhalb meiner Haut wächst meine Milz, meine Leber; aber ich würde nicht einen Unterschied empfinden, wenn ich nicht losreißen könnte meine Phantasmen von dem, was in meinem Inneren organisierend wirkt. [GA 198, S. 222-223, 10.07.1920](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga198.pdf#page=222&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### In der Phantasie ist ein Rest der weltschöpferischen Kraft wirksam, die im Menschenwesen als Wachstumskraft gestaltend wirkt. GA 036 29.04.1923
Die Ideen des wissenschaftlichen Idealismus deuten auf das Leben des Geistes, sie enthalten es aber nicht. - Der wissenschaftliche Idealismus strebte nach den Ideen; die Anthroposophie strebt nach dem Geistesleben in den Ideen. Sie findet hinter der Denkkraft, die sich zu den Ideen erhebt, eine geistige Bildekraft, welche den Ideen innewohnt wie das Leben dem Organismus. Hinter dem Denken liegt in der menschlichen Seele die Imagination. Wer Wirklichkeit nur erleben kann in Anlehnung an die Sinneswelt, der muß diese Imagination nur als eine andere Form der Phantasie ansehen. In der Phantasie erschafft sich der Mensch eine Bilderwelt, der er im Verhältnis zum Sinnesdasein keine Wirklichkeit zuschreibt. Er gestaltet diese Welt sich zur Freude, zum innerlichen Wohlgefallen. Er kümmert sich nicht darum, woher er die Gabe zur Erschaffung dieser Welt hat. Er läßt sie aus seinem Innern hervorquellen, ohne sich auf ihren Ursprung zu besinnen. In der Anthroposophie erfährt man etwas über diesen Ursprung. Was da im Menschen waltet als die oft so beglückende Phantasie, ist das Kind des Kräftewesens, das im Kinde wirkt, wenn es wächst, was im Menschenwesen überhaupt tätig ist, wenn dieses die toten Stoffe zur Menschenform erbildet. Die Welt hat im Menschen etwas übrig gelassen von dem Maß dieser Wachstums-, dieser bildenden Kraft, etwas, das sie zur Gestaltung des Menschenwesens nicht aufbraucht. Der Mensch setzt sich in Besitz dieses Restes der Kraft, die sein eigenes Wesen gestaltet, und entfaltet ihn als Phantasie. Auch an der Pforte dieser Erkenntnis stand einer der Geisteskämpfer, auf die hier hingedeutet ist. Frohschammer, Carrieres Zeitgenosse, hat eine Anzahl Bücher geschrieben, in denen er die Phantasie zur Weltschöpferin macht wie Hegel die Idee oder Schopenhauer den Willen. Aber man kann bei der Phantasie so wenig stehen bleiben, wie bei der Idee. Denn in der Phantasie ist ein Rest der weltschöpferischen Kraft wirksam, die im Menschenwesen gestaltend wirkt. Es muß mit der Seele auch hinter die Phantasie gedrungen werden. Das geschieht in der imaginativen Erkenntnis. Diese setzt die Phantasietätigkeit nicht etwa bloß fort; sie bleibt zunächst in ihr stehen, empfindet deutlich, warum sie sich dem Sinnesdasein gegenüber nur zur Unwirklichkeit bekennen kann, kehrt aber nun auf dem Wege um und gelangt rückwärts schreitend zum Ursprünge der Phantasie und des Denkens. Sie rückt dadurch in die geistige Wirklichkeit ein, die sich ihr im Weiterdringen durch Inspiration und Intuition (geistige Wahrnehmung) offenbart. Sie steht in dieser geistigen Wirklichkeit wie die sinnliche Wahrnehmung in der physischen Wirklichkeit steht. Die Imagination kann nur derjenige mit der Phantasie verwechseln, der den Lebensruck nicht empfindet zwischen dem Bewußtsein, das von den Sinnen abhängig ist und demjenigen, das im Geiste lebt. Ein solcher aber gliche dem, der aus einem Traume erwacht, aber das Erwachen nicht als einen Lebensruck empfindet, sondern beide Erlebnisse, das Träumen und das Wachsein, als gleichbedeutend ansähe. Der abstrakte Denker fürchtet, daß in der Imagination weiter phantasiert werde; der künstlerische Mensch empfindet es leicht unbehaglich, daß die Phantasietätigkeit, in der er sich freischaffend, von der Wirklichkeit unbehelligt, entfalten will, eine andere Tätigkeit gelten lassen soll, deren Kind sie zwar ist, die aber im Bereich einer wahren Wirklichkeit waltet. Er vermeint, dadurch fiele auf das freie Kind der Menschenseele ein Schatten. Doch das ist nicht der Fall. Sondern das Erleben der geistigen Wirklichkeit läßt das Herz nur höher schlagen bei der Erkenntnis, daß der Geist mit der Kunst in die Sinneswelt einen Sprößling sendet, der in dieser nur deshalb als unwirklich erscheint, weil er seinen Ursprung «in einer andern Welt hat».
Anthroposophie möchte das Tor öffnen, an dem edle Geisteskämpfer in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gestanden haben, ohne die Kraft, dieses Tor aufzuschließen. Ihnen hat die Denkkraft den Weg bis zu den Ideen gewiesen; aber diese Denkkraft erstarrte in den Ideen; Anthroposophie hat die Aufgabe, das Schmelzen der erstarrten Kraft zu bewirken. [GA 036, S. 268–270, 29.04.1923](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga036.pdf#page=268&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Zusammenhang Phantasie und Gedächtnis: Wird einem von beidem zu viel zugemutet, hält es das Kind in seinem Wachstum zurück. GA 293 02.09.1919
Wie können wir nun vom Seelischen aus Einblick haben in die Wachstumsverhältnisse? Da müssen wir uns eben an eine bessere Psychologie wenden, als die gewöhnliche Psychologie ist. Die bessere Psychologie sagt uns, daß mit alledem, was die Wachstumskräfte des Menschen beschleunigt, was die Wachstumskräfte des Menschen so gestaltet, daß der Mensch rixig aufschießt, mit alledem zusammenhängt dasjenige, was in gewisser Beziehung Gedächtnisbildung ist. Muten wir nämlich dem Gedächtnis zuviel zu, dann machen wir den Menschen innerhalb gewisser Grenzen zum schmalaufschießenden Wesen. Und muten wir der Phantasie zuviel zu, dann halten wir den Menschen in seinem Wachstum zurück. Gedächtnis und Phantasie stehen mit den Lebensentfaltungskräften des Menschen in einem geheimnisvollen Zusammenhang. Und wir müssen uns die Augen dafür aneignen, diesen Zusammenhängen etwas Aufmerksamkeit zuzuwenden. [GA 293, S. 169, 02.09.1919](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga293.pdf#page=167&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Phantasie und Gesundheit / Phantasie und Gedächtnis: Gedächtniskinder und Phantasiekinder haben unterschiedliches Wachstum. Aufgabe des Lehrers: Wachstum durch Pflege von Gedächtnis- und Phantasie zu regulieren. GA 293 02.09.1919
Der Lehrer muß zum Beispiel in der Lage sein, folgendes zu tun: er muß eine Art zusammenfassenden Blick über seine Schülerzahl am Beginn des Schuljahres werfen, insbesondere im Beginn der Lebensepochen, die ich Ihnen angegeben habe, die mit dem neunten und zwölften Jahr zusammenhängen. Da muß er gewissermaßen Revue halten über die leibliche Entwickelung, und er muß sich merken, wie seine Kinder ausschauen. Und dann am Ende des Schuljahres oder einer anderen Periode muß er wiederum Revue halten und die Veränderung sich anschauen, die sich da vollzogen hat. Und das Ergebnis dieser zwei Revuen muß das sein, daß er weiß: das eine Kind ist nicht so gut gewachsen während der Zeit, wie es hätte wachsen sollen; das andere ist ein Stück aufgeschossen. Dann muß er sich fragen: Wie richte ich im nächsten Schuljahr oder in der nächsten Schulperiode das Gleichgewicht zwischen Phantasie und Gedächtnis ein, damit ich der Anomalie entgegenarbeite?
Sehen Sie, deshalb ist es auch so wichtig, daß man die Schüler behält durch alle Schuljahre hindurch, und deshalb ist es eine so wahnsinnige Einrichtung, jedes Jahr die Schüler einem anderen Lehrer in die Hand zu geben. Aber die Sache ist auch umgekehrt. Der Lehrer lernt nach und nach im Beginn des Schuljahres und am Anfang der Entwickelungsepochen (siebenten, neunten, zwölften Jahr) seine Schüler kennen. Er lernt solche Schüler kennen, die ausgesprochen den Typus von Phantasiekindern haben, die alles umgestalten. Und er lernt solche Schüler kennen, die ausgesprochen den Typus von Gedächtniskindern haben, die sich gut alles merken können. Auch damit muß sich der Lehrer bekanntmachen. Er macht sich ja bekannt durch die beiden Revuen, die ich angeführt habe. Aber er muß diese Bekanntschaft noch in der Weise ausbauen, daß er nicht nur durch das Wachstum äußerlich-leiblich, sondern wiederum durch Phantasie und Gedächtnis selbst kennenlernt, ob das Kind droht, zu schnell aufzuschießen - das würde es tun, wenn es ein zu gutes Gedächtnis hat -, oder ob es droht, zu untersetzt zu werden, wenn es zuviel Phantasie hat. Man muß nicht nur durch allerlei Redensarten und Phrasen den Zusammenhang von Leib und Seele anerkennen, sondern man muß auch im werdenden Menschen das Zusammenwirken von Leib und Seele und Geist beobachten können. Phantasievolle Kinder wachsen anders, als gedächtnisbegabte Kinder wachsen. [GA 293, S. 169–170, 02.09.1919](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga293.pdf#page=167&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Träume ähneln Phantasievorstellungen, die nach innen gehen. Das Wollen ist ein unterbewusstes Träumen und das Fühlen ist ein Träumen während des Wachseins. GA 084 14.04.1923
Wir wissen ja auch, wenn wir unsere logischen Vorstellungen in Künstlerisches tauchen wollen, da müssen wir das Gefühl anwenden. Ohne Fühlen gibt es kein Künstlerisches. Wir müssen es in das Gefühl eintauchen. Wir empfinden, wir müssen ihm ein Element verleihen, das dem Träumen ähnlich ist. Dadurch schaffen wir nach innen etwas Ähnliches, wie die Traumeswelt von außen her schafft. Wir scharfen nach innen nicht logische Vorstellungen, sondern Bilder der Phantasie. Und das hat man ja zu allen Zeiten gefühlt, wie die Träume von außen mit aller Unbekanntheit und allem Frappierenden, was von außen kommt, angefüllt sind, aber doch ähnlich sind wie die Phantasievorstellungen, die nach innen gehen. ...
Vom Wollen weiß das tagwachende Bewußtsein nichts. Es hat zunächst den Gedanken, du willst da oder dorthin gehen. Wenn wir auch vom Wollen sprechen müssen gerade dann, wenn wir aufwachen, weil wir spüren, wir bemächtigen uns dann unseres Körpers, wissen tun wir aber trotzdem nichts vom Wollen. ... Was zwischen dem Gedanken und der Offenbarung des Willens verfließt, das ist für das Bewußtsein eben unbekannt, so unbekannt wie das, was man verschläft. Sie schlafen in der Tat, indem Sie einen Willen entfalten, in Ihren Organismus hinein. Wir können also sagen: Das Fühlen ist ein Träumen während des Tagwachens; das Wollen ist ein Schlafen während des Tagwachens. In bezug auf das Wollen wacht man mit dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein gar nicht auf. Das verläuft auch während des Tagesbewußtseins im Schlafe. ... Und das Fühlen, das sind die Träume, die aus dem Wollen, also wiederum aus dem Schlaf heraussteigen und das Vorstellen erregen. Wie aus dem Schlaf heraus die Träume sich offenbaren, so offenbart sich aus dem Willen heraus das Fühlen.
Ein angenehmes Gefühl ist das innere, das abgeschwächte Erlebnis für dasjenige, wofür das starke Erlebnis, das man eigentlich anstrebt, ein Willensentschluß ist. ... Also das Gefühl ist abgeschwächter Wille. Das Träumen kommt nur auf eine andere Weise während des Tagwachens zustande als während des Schlafens. Das Träumen wahrend des Schlafens ist ein zurückgehaltener Schlaf. Das Fühlen während des Tagwachens ist ein nicht ganz zustande gekommenes Wollen. [GA 084, S. 60–62, 14.04.1923](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga084.pdf#page=60&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Ein Phantasiebild im Anschauungsunterricht zu erzeugen, erwirkt Tatkraft. Den Unterricht bloß anschaulich gestalten, übersäuert das Kind im Magen. GA 302 12.06.1921
Würde man zum Beispiel dem Kinde nicht bloß erzählen, was der Cäsar getan hat, sondern würde man dem Kinde zu gleicher Zeit einen Phantasiebegriff von dem Cäsar beibringen, gewissermaßen eine historische Situation hinmalen, so daß das Kind genötigt ist, ich möchte sagen, eine Art von Schattenbild, eine Art von Nebelbild von dem Cäsar in der Phantasie zu haben, ihn gehen zu sehen, ihn zu verfolgen im Gehen; würde sich das Kind das so vorstellen, daß es gewissermaßen ihn nicht nur nachmalt, sondern in der Phantasie nachmodelliert, und man schickt es dann, nachdem man so etwas mit dem Kinde gemacht hat, in den Handarbeitsunterricht, dann können Sie sicher sein, dann wird es besser stricken, als es ohne den Cäsar gestrickt hätte.
Das sind eben geheimnisvolle Zusammenhänge geradeso wie zwischen Hunger und Sättigung. Und wenn man diese geheimnisvollen Zusammenhänge nicht berücksichtigt, dann kommen eben alle anderen Dinge heraus. Dann kommt zum Beispiel heraus, daß, wenn man einem Kinde eine ganze Stunde erzählt hat, ohne daß man seine Phantasie angeregt hat, sich die Magensäure sammelt, und das Kind hat dann zuviel Pepsin im Magen. Man kann es nicht verhindern, daß man durch den anschaulichen, betrachtlichen Unterricht Pepsin ansammelt; aber dieses Pepsin hat ja nicht nur die Aufgabe, die Nahrungsmittel zu säuern, die in den Magen hineinkommen, sondern alle diese Dinge haben auch noch eine geistige Aufgabe. Alles Stoffliche ist zugleich Geistiges. Das Pepsin hat die Aufgabe, wenn das Kind zum Gesanglehrer kommt, das innere Prickeln hervorzurufen, das das Kind während des Singens erleben soll. Dieses Prickeln kann man nicht hervorrufen, wenn das Pepsin in den Falten des Magens bleibt. Und es bleibt in den Falten des Magens, wenn man bloß erzählt, ohne auf die Phantasie zu wirken. Wirkt man aber auf die Phantasie, so trägt man dieses Pepsin durch den ganzen Körper, und die Folge davon ist, daß der Gesanglehrer ein Kind bekommt, das ein Prickeln in allen Organen haben kann, während er, wenn man nur erzählt hat, ein Kind bekommt, das das Pepsin in den Falten hat und in den übrigen Organen gar nicht hat; nun hat er ein Kind, das vor allen Dingen in den Sprachorganen kein Prickelnerregendes hat. Die Folge davon ist eine Faulheit gegenüber dem Singen oder überhaupt die, daß es nichts Ordentliches hervorbringt. [GA 302, S. 23–24, 12.06.1921](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga302.pdf#page=23&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
## (2) Verschiedenes
##### Die Entwicklung der Urteilskraft durch die Phantasie des Kindes: das Gefallen und Missfallen am Guten und Bösen - Moralität im Gefühl als lebendiges, nachhaltiges Erlebnis von Sittlichkeit. GA 218 19.11.1922
Wenn man so einsieht, wie ich es dargelegt habe, daß der menschliche Zeitleib ein Organismus ist, in dem alles zusammenhängt, dann wird man sich sagen: es kommt darauf an, daß man in der rechten Zeit das Rechte tut für das Kind. Sie können eine Pflanze nicht so wachsen lassen, daß sie gleich Blüte wird. Das Zur-Blüte-Werden, das muß später geschehen. Sie müssen die Pflanze zuerst in der Wurzel pflegen. Wenn Sie die Wurzel zur Blüte machen wollten, würden Sie einen Unsinn machen. Wenn Sie dem Kinde zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife intellektualistisch formulierte Moralurteile beibringen wollten, so wäre das so, wie wenn Sie die Pflanzenwurzel zur Blüte machen wollten. Sie müssen zuerst den Keim, die Wurzel pflegen; das ist: die Moralität im Gefühl. Wenn das Kind die Moralität im Gefühl gepflegt hat, dann wird es nach der Geschlechtsreife erwachen zur Intelligenz, und dann setzt es selber dasjenige, was es im Gefühl gehabt hat zwischen dem Zahn Wechsel und der Geschlechtsreife, durch die Geschlechtsreife durch die innere Entwickelung fort. Dann kann in ihm selber erwachen das moralische, intellektuelle Urteil. Und das ist etwas so Wichtiges für das Leben, daß alle Moralerziehung darauf fundiert werden muß! Wie Sie eben nicht die Pflanzenwurzel zur Blüte machen können, sondern warten müssen, bis sich die Wurzel entfaltet und die Pflanze zuletzt zur Blüte kommt, sich zur Blüte entfaltet, so müssen Sie gewissermaßen die moralische Wurzel pflegen in dem Gefühlsurteil, in der Sympathie für das Moralische. Und dann müssen Sie den Menschen durch die eigene Kraft des menschlichen Wesens selber sein Gefühl in den Intellekt hineintragen lassen. Dann hat er die tiefe innere Befriedigung darüber, daß m ihm nicht im späteren Leben bloß Erinnerungen leben an das, was einem die Erzieher gesagt haben, daß es richtig oder unrichtig im Moralischen sei, sondern es lebt mit innerer Freudigkeit, mit innerer Kraft das ganze seelische Leben erfüllend so, daß es selber zum moralischen Urteil in der richtigen Zeit in Freiheit erwacht ist. Daß man das Kind nicht sklavenmäßig erzieht zu irgendeiner moralischen Richtung, sondern daß man die moralische Richtung vorbereitet, so daß sie aus dem freiwachsenden Seelenwesen des Menschen selber aufsprießt, das rüstet den Menschen zugleich nicht nur mit moralischem Urteil, sondern mit moralischer Kraft aus. Und das ist es, was uns immer wieder und wieder darauf hinweist, wenn wir eine spirituelle Grundlage der Erziehung anstreben, daß wir alles in der richtigen Weise und Zeit an den werdenden Menschen heranbringen. Nun werden Sie mich fragen: Ja, wenn ich das Kind so erziehen soll, daß ich sein moralisch-fühlendes Urteil zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife einpflanze, und nicht so, daß ich ihm Gebote gebe, an seinen Intellekt appelliere, an was soll ich dann appellieren? - Ja, jenes selbstverständliche Autoritätsverhältnis, das führt zu Imponderabilien zwischen dem Erzieher und dem Kinde! Das will ich nun durch ein Beispiel veranschaulichen. Ich kann bildhaft dem Kinde beibringen wollen etwas über die Unsterblichkeit des menschlichen Seelenwesens; bildhaft beibringen, nicht durch Wissenschaftliches. Wissenschaft ist eigentlich für das Kind im Grunde genommen bis zur Geschlechtsreife nicht da. Ich muß Natur und Geist in eins verweben, und ich sage zu dem Kinde vielleicht etwas, was ich in ein künstlerisches Bild forme: Sieh einmal, die Schmetterlingspuppe ist da; der Schmetterling kriecht aus der Puppe heraus. Wie der Schmetterling aus der Puppe auskriecht, so die Seele aus dem menschlichen Leibe, wenn der menschliche Leib dem Tode verfällt. - Ich rege dadurch seine Phantasie an, ich bringe ein lebendiges moralisches Bild vor seine Seele. Das kann ich in zweifacher Weise bringen. Ich kann sagen: Ich bin also ein gereifter Erzieher, furchtbar gescheit; das Kind ist klein, furchtbar dumm, und weil sich das Kind noch nicht zu meiner Höhe erhoben hat, so forme ich für es ein Bild. Das Bild gestalte ich so: ich weiß, das hat für mich keinen Wert, aber ich forme es für das Kind. - Wenn ich mir dieses sage und mit dieser Gesinnung dem Kinde das Bild beibringen will: es wirkt nicht in der Seele, es geht wieder ebenso heraus, wie es hineingegangen ist; denn es wirken Imponderabilien zwischen dem Erzieher und dem Kinde. — Wenn ich aber so sage: Ich bin eigentlich nicht viel klüger als das Kind -, oder vielleicht: Das Kind ist im Unterbewußten viel klüger als ich -, wenn ich für das Kind Ehrfurcht habe, und mir in bezug auf dieses Bild sage: Ja, das Bild bilde ich gar nicht selber, sondern die Natur selbst hat in dem auskriechenden Schmetterling das Bild vor uns hingestellt, ich glaube mit derselben Intensität an dieses Bild, wie das Kind glauben soll -, wenn ich diese Stärke der eigenen Glaubenskraft in mir habe, dann sitzt das Bild in der Seele des Kindes, dann wirken diejenigen Dinge, die nicht in der groben Welt liegen, sondern die in der feineren Welt zwischen dem Erzieher und dem Kinde leben. Und das, was so zwischen dem Erzieher und dem Kinde sich abspielt an Imponderabilien, das ersetzt reichlich all das, was an intellektueller Lehre vom Lehrer auf das Kind übergehen könnte! Das Kind erhält auf diese Weise Gelegenheit, sich frei neben dem Lehrer zu entwickeln. Der Lehrer sagt sich: ich lebe in der Umgebung des Kindes, muß diejenigen Gelegenheiten herbeiführen, durch die sich das Kind möglichst selbst erzieht. Aber dann muß ich auch in dieser Weise neben dem Kinde stehen, daß ich mich nicht ungeheuer erhaben fühle, sondern nur als ein Mensch, der ein paar Jahre älter ist. Man wird ja nicht immer - hier nur in relativer Weise anwendbar - gescheiter; also man braucht sich nicht immer über das Kind zu erheben, sondern man soll nur ein Helfer der Entwickelung des Kindes sein. Wenn man die Pflanze als Gärtner pflegen soll, so schiebt man ja auch nicht den Saftstrom, der von der Wurzel nach der Blüte geht, sondern man bereitet die Umgebung ringsumher so zu, daß der Saftstrom sich entfalten kann. So selbstlos muß man sein als Erzieher, daß sich die inneren Kräfte des Kindes entfalten können, dann wird man ein guter Erzieher, und dann wird das Kind in der richtigen Weise gedeihen können. [GA 218, S. 235–238, 19.11.1922](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga218.pdf#page=235&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Der freie Geist handelt aus moralischen Ideen, moralischer Phantasie und moralischer Technik. Der Unfreie braucht Regeln. GA 004 XII
Sobald der Antrieb zu einer Handlung in der allgemeinbegrifflichen Form vorhanden ist (zum Beispiel: du sollst deinen Mitmenschen Gutes tun! du sollst so leben, daß du dein Wohlsein am besten beförderst!), dann muß in jedem einzelnen Fall die konkrete Vorstellung des Handelns (die Beziehung des Begriffes auf einen Wahrnehmungsinhalt) erst gefunden werden. Bei dem freien Geiste, den kein Vorbild und keine Furcht vor Strafe usw. treibt, ist diese Umsetzung des Begriffes in die Vorstellung immer notwendig. Konkrete Vorstellungen aus der Summe seiner Ideen heraus produziert der Mensch zunächst durch die Phantasie. Was der freie Geist nötig hat, um seine Ideen zu verwirklichen, um sich durchzusetzen, ist also die moralische Phantasie. Sie ist die Quelle für das Handeln des freien Geistes. Deshalb sind auch nur Menschen mit moralischer Phantasie eigentlich sittlich produktiv. Die bloßen Moralprediger, das ist: die Leute, die sittliche Regeln ausspinnen, ohne sie zu konkreten Vorstellungen verdichten zu können, sind moralisch unproduktiv. Sie gleichen den Kritikern, die verständig auseinanderzusetzen wissen, wie ein Kunstwerk beschaffen sein soll, selbst aber auch nicht das geringste zustande bringen können. Die moralische Phantasie muß, um ihre Vorstellung zu verwirklichen, in ein bestimmtes Gebiet von Wahrnehmungen eingreifen. Die Handlung des Menschen schafft keine Wahrnehmungen, sondern prägt die Wahrnehmungen, die bereits vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue Gestalt. Um ein bestimmtes Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen, einer moralischen Vorstellung gemäß, umbilden zu können, muß man den gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige Wirkungsweise, die man neu gestalten oder der man eine neue Richtung geben will) dieses Wahrnehmungsbildes begriffen haben. Man muß ferner den Modus finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit in eine neue verwandeln läßt. Dieser Teil der moralischen Wirksamkeit beruht auf Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der man es zu tun hat. Er ist also zu suchen in einem Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt. Das moralische Handeln setzt also voraus neben dem moralischen Ideenvermögen und der moralischen Phantasie die Fähigkeit, die Welt der Wahrnehmungen umzuformen, ohne ihren naturgesetzlichen Zusammenhang zu durchbrechen. Diese Fähigkeit ist moralische Technik. Sie ist in dem Sinne lernbar, wie Wissenschaft überhaupt lernbar ist. Im allgemeinen sind Menschen nämlich geeigneter, die Begriffe für die schon fertige Welt zu finden, als produktiv aus der Phantasie die noch nicht vorhandenen zukünftigen Handlungen zu bestimmen. Deshalb ist es sehr wohl möglich, daß Menschen ohne moralische Phantasie die moralischen Vorstellungen von andern empfangen und diese geschickt der Wirklichkeit einprägen. Auch der umgekehrte Fall kann vorkommen, daß Menschen mit moralischer Phantasie ohne die technische Geschicklichkeit sind und sich dann anderer Menschen zur Verwirklichung ihrer Vorstellungen bedienen müssen. Insofern zum moralischen Handeln die Kenntnis der Objekte unseres Handelnsgebietes notwendig ist, beruht unser Handeln auf dieser Kenntnis. Was hier in Betracht kommt, sind Naturgesetze. Wir haben es mit Naturwissenschaft zu tun, nicht mit Ethik. Die moralische Phantasie und das moralische Ideenvermögen können erst Gegenstand des Wissens werden, nachdem sie vom Individuum produziert sind. Dann aber regeln sie nicht mehr das Leben, sondern haben es bereits geregelt. Sie sind als wirkende Ursachen wie alle andern aufzufassen (Zwecke sind sie bloß für das Subjekt). Wir beschäftigen uns mit ihnen als mit einer Naturlehre der moralischen Vorstellungen. [GA 004, S. 192–195](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga004.pdf#page=192&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Das fühlende sittliche Urteil im Alter zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife. GA 304a 26.03.1923
Damit aber ist die ganze Richtung der sittlichen Erziehung des Kindes zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife gegeben. Wenn wir dem Kinde abstrakte Sittenregeln mit auf den Weg geben wollen, dann werden wir eine Ablehnung bemerken, nicht durch die Nichtsnutzigkeit des Kindes, sondern durch das Menschenwesen selber. Wenn wir imstande sind, sittliche Bilder vor dem Kinde zu entwerfen, sittliche Bilder meinetwillen schon aus dem Tierreiche, wenn wir die Tiere gegeneinander in symbolischen sittlichen Beziehungen auftreten lassen, wenn wir das vielleicht auf die ganze Natur ausdehnen, werden wir, insbesondere für das siebente, achte, neunte Lebensjahr, außerordentlich Gutes an dem Kinde tun können. Wenn wir selbst aus unserer Phantasie heraus lebendig gestaltete Menschenbilder vorführen, wenn wir merken lassen, was wir an diesen lebendig gestalteten Menschenbildern selber als sympathisch oder antipathisch empfinden und das Sympathische oder Antipathische so überleiten, daß es für das unmittelbare Gefühl, für die Empfindung zu einem moralischen Urteile über das Gute und Böse wird, da entwickeln wir für dieses Lebensalter das empfindende, das fühlende sittliche Urteil heran an der Schilderung der Welt. Aber diese Schilderung der Welt muß es sein. In den ersten Lebensjahren ist es die unmittelbare Anschauung. Jetzt muß das, was an das Kind herantritt, um sein moralisch empfindendes, fühlendes Urteil zu erkräftigen, durch das Mittel des autoritativen menschlichen Fühlens und Empfindens durchgegangen sein. Jetzt muß der erziehende Mensch, der Unterrichtende dastehen als Repräsentant der Weltenordnung. Das Kind muß aus seinem instinktiven Leben heraus einfach durch die Empfindung, die es dem Lehrenden, Erziehenden entgegenbringt, die Welt empfangen in seinen Sympathien und Antipathien, die sich ausbilden zu dem: das ist gut, das ist böse. Es muß die Welt empfangen durch den Menschen. Und wohl dem Kinde, das durch Vermittlung des menschlichen Wesens im Erziehenden, im Unterrichtenden selber zunächst sein eigenes Verhältnis zur Welt bilden kann. [GA 304a, S. 42, 26.03.1923](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga304a.pdf#page=42&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Moralität im Gefühl wird ab dem 9. Lebensjahr durch Anregung der Phantasie, der Ästhetik, durch das Hervorrufen von Sympathie und Antipathie in Bildern gefördert. GA 218 19.11.1922
Wenn das Kind angelangt ist bei diesem Zeitpunkt zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahre, dann dürfen wir beginnen, ihm vorzuführen Bilder, die seine Phantasie vor allen Dingen anregen, Bilder von guten Menschen, Bilder von solchen Menschen, die in ihm ein Gefühl, eine Sympathie mit dem, was diese Menschen tun, hervorrufen. Merken Sie wohl, ich sage nicht, man soll dem Kinde sittliche Gebote vordozieren; ich sage nicht, man soll mit dem moralischen Urteil an den Intellekt herangehen. - Man soll an das Ästhetische, an die Phantasie herangehen. Man soll ein Gefallen oder Mißfallen auch an dem Guten oder dem Schlimmen, an dem Rechten oder Unrechten wecken, an dem Erhabenen, an der sittlichen Tat, oder auch an dem in der Welt herbeigeführten Ausgleich für unrichtige Handlungen. Hat man vorher sich selber hinzustellen gehabt vor das Kind, um ein sittlicher Regulator zu sein, so hat man jetzt Bilder hinzuzufügen, Bilder, die nun nicht mehr auf etwas anderes wirken als auf die in dem Sinnenwesen sich auslebende Phantasie. So soll das Kind zunächst bis zur Geschlechtsreife hin aufnehmen die Moralität als Gefühl. Es soll fest werden in dem Gefühlsurteil: Das ist etwas, womit ich Sympathie habe, das Gute; das ist etwas, wogegen ich Antipathie habe, das Böse. - Sympathien und Antipathien, Gefühlsurteile, sollen die Grundlage des Moralischen ausmachen. [GA 218, S. 235–236, 19.11.1922](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga218.pdf#page=235&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
## (3) Kindheit
##### Inkarnation: Astralleib fühlt sich zur Mutter hingezogen, Ich zum Vater. Im Astralleib befinden sich die Eigenschaften der Phantasie und des Denkens, im Ich das Wollen und die "Empfindungsimpulse". GA 099 26.05.1907
Es kann vorkommen, daß der Astralleib zu einem mütterlichen Teil hingezogen wird, das Ich aber nicht zu dem entsprechenden Vater will. In diesem Falle setzt es seine Wanderung fort, bis es ein passendes Elternpaar findet. Im gegenwärtigen Entwickelungszyklus stellt das Ich das Element des Wollens, der Empfindungsimpulse dar; im astralen Leibe sind die Eigenschaften der Phantasie, die Eigenschaften des Denkens. Letztere wird daher die Mutter, wie man sagt, vererben und erstere der Vater. Und wir sehen so, daß die Individualität, die sich verkörpern will, durch ihre unbewußten Kräfte das Elternpaar aussucht, das ihr den physischen Leib geben soll. [GA 099, S. 55, 29.05.1907](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga099.pdf#page=55&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Wahrheiten in Bilder der Phantasie umsetzten. Z.B. der Storch der die Kinder bringt. GA 127 07.01.1911
Das Storchenbild für etwas Unwahres zu halten, ist nur eine Phantasielosigkeit, eine Ohnmacht, für den Vorgang, der als Reinkarnation den Kindern nicht zu schildern ist, ein passendes Bild zu finden, diesen Vorgang in ein entsprechendes Bild zu kleiden. Aber - wird eingewendet - die Kinder glauben heute nicht daran. - Das kommt daher, weil die Menschen, die den Kindern so etwas sagen, selbst nicht daran glauben. Sobald man selber nicht an das glaubt, was das Bild ausdrückt, können auch die Kinder nicht daran glauben. Ist es uns selber aber ein Bild für das Reale, Wahre, das dahintersteht, wenn wir Phantasie genug haben, die Wahrheit umzusetzen in ein Bild, so werden die Kinder es auch glauben. Und es ist eigentlich schön, dem Kinde zu sagen: Da wird gegeben ein Teil vom Vater und ein Teil von der Mutter, ein Drittes aber tragen aus Himmelshöhen andere Wesenheiten herunter, die in ihren Schwingen es tragen, es Vater und Mutter zutragend. - Wenn wir das sagen, so ist das Bild sehr zutreffend, und wir reden von einer Wahrheit. Ein Kind, dem wir reiche, bildhafte Vorstellungen beibringen, wird in bezug auf die Verhältnisse des astralischen Lebens gefördert, und wir geben ihm den Segen einer weit in das Alter reichenden Jugendlichkeit mit. Dieses Bildhafte in der Erziehungstätigkeit, das vor allen Dingen auch dem Spiel zugrunde liegt, ist so unendlich wichtig. Auch hier ist schon in einem Leben zu sehen, wie Karma wirkt. [GA 127, S. 41, 07.01.1911](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga127.pdf#page=41&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Im Waldorfschulsystem steht die bildhafte- und phantasieanregende Darstellung im Vordergrund, die zu unbewussten Imaginationen der Kinderseele spricht. GA 199 11.09.1920
Nun ist es ja zunächst meistens so bei der Menschheit, daß sie widerstrebt diesem Hineinleben der vor der Empfängnis erlebten Bilder in den astralischen Leib. Die Menschen stoßen gewissermaßen das zurück, was sich aus den Tiefen ihres Wesens heraus in den astralischen Leib hineinleben soll. Die Nüchternheit, das Prosaische der neueren Zeit ist ja ein Grundcharakterzug, und es gibt heute sogar breite Strömungen, die sich dagegen wehren, daß man durch die Erziehung schon dafür sorgt, daß dasjenige, was aus der Seele aufsteigen und im astralischen Leib sich geltend machen will, auch wirklich zur Geltung komme. Es gibt trockene Nüchtlinge, welche die Erziehung durch Märchen, Legenden, durch das, was von der Phantasie durchstrahlt ist, eigentlich ausschließen möchten. In unserem Waldorf Schulsystem haben wir gerade in den Vordergrund gestellt, daß der Unterricht und die Erziehung bei den die Volksschule betretenden Kindern ausgehen von bildhafter Darstellung, von einem lebendigen Hinstellen der Bilder, von Legendarischem, von Märchenhaftem. Und auch dasjenige, was die Kinder zunächst erfahren sollen über die Wesen und Vorgänge im Tierreich, im Pflanzenreich, im Mineralreich, soll nicht in trockener, nüchterner Weise gesagt werden, sondern das soll gekleidet werden in das Bildhafte, in das Legendarische, in das Märchenhafte. Denn was da tief drinnen sitzt in der Kinderseele, das sind die in der geistigen Welt empfangenen Imaginationen. Die wollen herauf. Und wenn der Lehrer oder der Erzieher sich richtig zum Kinde verhält, bringt er ihm Bilder entgegen. Und indem der Lehrer Bilder vor das kindliche Gemüt hinstellt, zucken herauf aus dem kindlichen Gemüte diejenigen Bilder, oder besser gesagt, die Kräfte der verbildlichenden Darstellung, die empfangen worden sind vor der Geburt oder, sagen wir, vor der Empfängnis. [GA 199, S. 259, 11.09.1920](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga199.pdf#page=259&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Phantasiearbeit für das cholerische Kind. GA 295 23.08.1919
Bei dem cholerischen Kinde würde ich eine Geschichte erzählen, wie das Kind ganz draußen ein Pferd findet im Walde. Das Pferd läuft, weit hinten läuft der Mann, dem es durchgegangen ist, nach, und das Kind muß das Pferd abfangen beim Zügel. Wenn ich weiß, daß ich ein cholerisches Kind habe, kann ich versuchen, ihm das beizubringen, wie es das machen soll, wie es die Zügel erfaßt. Es in die Phantasie zu versetzen, wie es das Pferd abfängt, das ist sehr gut. Auch das cholerische Kind hat im geheimen etwas Angst vor dieser Prozedur, aber man kommt einem cholerischen Temperament entgegen, wenn man ihm zumutet, das zu tun. Es wird dann etwas beschämt sein, etwas bescheidener. Es ist ihm etwas zugemutet, was man nur einem cholerischen Kinde zumuten kann. [GA 295, S. 38, 23.08.1919](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga295.pdf#page=38&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Phantasiearbeit für das phlegmatische Kind. GA 295 25.08.1919
Rudolf Steiner: Ich würde nur raten, versuchen Sie in einem solchen Falle auch Nebenhilfen des Erzählens zu benützen. Ich würde gerade dem phlegmatischen Kinde gegenüber öfter mal mit dem Satze einhalten, dann die Kinder angucken, dann das ausnützen, daß die Phantasie weiterarbeitet. Diese Neugierde an wichtigen Stellen erregen, damit sie ein wenig schon weiterdenken und selber sich ausmalen: «Die Königstochter, - die war - sehr schön, - aber - weniger - gut!» Dieses Ausnützen ist gerade für phlegmatische Kinder am wirksamsten. [GA 295, S. 46, 25.08.1919](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga295.pdf#page=46&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Phantasiearbeit für das melancholische und sanguinische Kind. GA 295 25.08.1919
Beim melancholischen Kinde würde es gut sein, dasjenige zu beachten, wohinein doch etwas das Nachdenken spielt. Nehmen wir an, das melancholische Kind sollte zunächst eine solche Form (Zeichnung a) ausbilden und dann die Gegenform (Zeichnung b), so daß es sich ergänzt.
Dadurch kommt die Phantasie in Regsamkeit. Ich will dasjenige schraffieren, was die ursprüngliche Form (a) ist, und die Gegenform (b) so. Dasjenige, was hier (a) schraffiert ist, würde hier (b) leer sein. Wenn Sie sich das Leere ausgefüllt denken, würden Sie diese Form (a) wieder herausbekommen. Dadurch sind die äußeren (b) entgegengesetzte Formen von den inneren (a). - Sie haben also hier das Entgegengesetzte von solchen Zeichnungen, wo Wiederholung auftritt. Hier etwas, was gedanklich ist, mit der Anschauung vereinigt für das melancholische Kind. Und wo Wiederholung auftritt, Ranken und so weiter, das ist für das sanguinische Kind. [GA 295, S. 45, 25.08.1919](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga295.pdf#page=45&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
## (4) 1. Jahrsiebt
##### 1. Jahrsiebt: Einwirkung auf den sich entwickelnden physischen Leib durch die Sinne - die bildende Kraft der Phantasie. GA 096 14.05.1906
Auf den physischen Leib des Menschen einwirken, heißt, dem Kinde äußere Eindrücke zu vermitteln. Durch die äußeren Eindrücke wird der physische Leib herangebildet. Daher ist auch das, was bis zum siebenten Jahre versäumt worden ist, später kaum noch nachzuholen. Bis zum siebenten Jahre ist der physische Leib in einem solchen Stadium begriffen, daß er durch äußere sinnliche Eindrücke herangebildet werden sollte. Wenn das Auge des Kindes bis zum siebenten Jahre nur Schönes sieht, bildet es sich so heran, daß es das ganze Leben hindurch ein Empfinden für das Schöne behält. Später kann der Schönheitssinn nicht mehr auf die gleiche Weise entwickelt werden. Was Sie dem Kinde im ersten Jahrsiebent sagen oder was Sie tun, ist viel weniger wichtig, als die Art, wie man seine Umgebung gestaltet und was das Kind sieht und hört. Die inneren Wachstumskräfte müssen bis dahin durch die äußeren Eindrücke herangefördert werden. Der frei gestaltende Geist des Kindes formt aus einem Stück Holz, das ein paar Punkte und Striche für Augen, Nase und Mund hat, eine menschliche Figur. Wenn das Kind aber eine möglichst schön geformte Puppe bekommt, so hat es etwas, woran es gebunden ist; daher haftet dann die innere Geisteskraft an dem, was schon da ist und wird nicht zur eigenen Tätigkeit herausgefordert - sie ist gebunden -, und damit geht die gestaltende Phantasiekraft für das spätere Leben überhaupt fast verloren. [GA 096, S. 62–63, 14.05.1906](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga096.pdf#page=62&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Die Phantasie des Kindes soll angeregt werden. Das ist wichtig für die Entwicklung. Es lernt nicht über Begriffe, sondern über Phantasie. GA 094 28.06.1906
Betrachten wir einmal das Kind im Hinblick auf diese drei Leiber. Sie entwickeln sich bei ihm nicht gleichzeitig. Vom ersten bis zum siebenten Jahr entwickelt sich der physische Leib, die beiden anderen Leiber sind noch nicht frei, sie wirken innerlich auf den physischen Leib. Nur auf den physischen Leib kann man deshalb in dieser Zeit erziehend einwirken, die beiden anderen Wesensglieder müssen sich erst entwickeln. Eine verständige Erziehung wird von einer vorzeitigen Einwirkung auf diese beiden anderen Leiber absehen. Vom ersten bis siebenten Jahr braucht das Kind sichtbare, wahrnehmbare Bilder, Vorbilder. Die sichtbare Umgebung des Kindes sollte rein sein bis in die Gedanken hinein. Denn die Umgebung hat einen viel größeren Einfluß auf die Entwickelung des Kindes, als gewöhnlich angenommen wird. Selbst für gute und böse Gedanken hat das Kind eine Empfindung. Man muß die Sinne des Kindes schärfen. Über die Eindrücke der Sinne hinaus ihm Begriffe beibringen zu wollen, hilft nichts. Die Phantasie des Kindes sollte angeregt werden. Deshalb darf man dem Kinde nicht ganz fertige Dinge als Spielsachen geben. Es sollte sich selbst etwas zusammensetzen, ein Gebilde machen und so weiter. Dadurch wird das Kind geweckt und die Kräfte des physischen Leibes werden entwickelt. Also keine kunstvollen Spielsachen! [GA 094, S. 131, 28.06.1906](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga094.pdf#page=131&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Unfertige Spielsachen regen die Phantasie des Kindes an. GA 055 01.12.1906
Die Organe, welche in der Entwicklung sind, muß man so behandeln, daß sie sich entsprechend entfalten können, daß sie veranlaßt werden, die inneren Kräfte herauszubilden. Darum sollte man dem Kinde auch keine fertigen Spielsachen geben wie Baukasten, Puppen und so weiter. Man gebe ihm lieber eine aus einer alten Serviette hergestellte Puppe mit Tintenaugen, Nase und Mund. Jedes Kind zieht eine selbstgemachte Puppe, aus einem Stiefelknecht oder einer alten Serviette, den schön ausgeputzten Wachsdamen vor. Warum? Weil dadurch die Imagination geweckt wird, weil die Phantasie in Tätigkeit gesetzt wird und die inneren Organe anfangen zu arbeiten zur Freude und Lust des Kindes. Wie lebendig und interessiert ist solch ein Kind bei einem Spiel, wie geht es mit Leib und Seele auf in dem, was seine Imaginationen ihm vorspielen. Wie lässig und unvergnügt sitzt das andere da; denn bei einer fertigen Puppe ist keine Möglichkeit mehr, etwas hinzu zu ergänzen, und seine inneren Organe werden zur Untätigkeit verdammt, wenn es solche fertigen Dinge bekommt. Solange der physische Leib in seiner Entwicklung begriffen ist, hat das Kind einen außerordentlich gesunden Instinkt für das, was ihm gut ist, wenn er ihm nicht verdorben wird. Solange der physische Leib der einzige ist, der frei zur Außenwelt in Beziehung steht, zeigt er selbst, was ihm frommt. Wenn frühzeitig viel weiter eingegriffen wird, so wird dieser Instinkt ausgetrieben, der sonst zeigt, was dem Kind gedeihlich ist. Auf Freude, Lust und Begierde muß sich hier die Erziehung aufbauen. In dieser Zeit wäre jeglicher Anflug von Askese gleichbedeutend mit Ausrottung der natürlichen Gesundheit und Entwicklungsmöglichkeit. [GA 055, S. 125–126, 01.12.1906](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga055.pdf#page=125&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Das Kind etwas durch Phantasie aufbauen zu lassen regt den inneren organischen Aufbau an, da es das Kind mit Freude und Lust an der Umgebung erfüllt. GA 055 28.02.1907
Wie ein Muskel nur stark wird, wenn er angewendet wird, so ist es auch hier: jetzt muß das Kind arbeiten und das in der Phantasie aufbauen, was die Puppe nicht hat. Da wird der innere organische Aufbau bewirkt. Es ist daher von besonderer Bedeutung, daß man das Kind innerlich arbeiten läßt, in seine Umgebung das bringt, was die Organe durchströmt mit Freude und Lust und Genuß an der Umgebung. Das schafft Kraft für die Bildung der Organe. Durch nichts kann man die Organe mehr ruinieren, als wenn man dem Kinde nicht das Richtige zuführt. Die Phantasie, die in ihm tätig ist, arbeitet an den Formen seiner Organe, und nichts wäre verfehlter, als durch eine falsche Askese das Kind an ein lustloses Dasein gewöhnen zu wollen. Freude ist der Praktiker in den ersten Lebensjahren, und die gesunden Lebensinstinkte sind die Bildner, die man nur nicht verderben soll. Die richtige Nahrung, dem Kinde gereicht, wird bewirken, daß das Kind Lust an der Ernährung bekommt, die ihm frommt; falsche Nahrung wird das Kind krank machen. Für jede Stufe, für alles weiß die Geisteswissenschaft da die nötigen Dinge. So müssen wir uns darüber klar sein, daß in den ersten sieben Jahren das Gattungsgemäße vorzugsweise herauskommt, denn das physische Prinzip arbeitet an dem Menschen, und ungestört müssen wir das Kind arbeiten lassen. [GA 055, S. 165, 28.02.1907](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga055.pdf#page=165&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Durch sinnvolles Spielen wird Phantasie beim Kind bewegt. GA 139 05.11.1911
Für gesunde Gemütsbewegung haben wir das gute Wort « Sinnigkeit ». Sinnigkeit ist, daß einem etwas Sinnvolles einfällt. Kinder sollen so spielen, daß ihre Phantasie bewegt wird, daß die Selbsttätigkeit ihrer Seele geweckt wird, so daß sie nachdenken müssen über ihr Spiel. Sie sollen nicht nach Vorlagen Bausteine ordnen, dadurch wird nur Pedanterie geweckt, aber nicht Sinnigkeit. Sinnig ist es, wenn wir sie im Sande allerlei ausführen lassen, wenn wir sie in den Wald führen und aus Kletten Körbchen formen lassen und dann den Anstoß geben, auch andere Gegenstände aus aneinandergeketteten Kletten zu machen. Dinge, die eine gewisse Erfindungsgabe großziehen, pflegen die Sinnigkeit. So wenig man es glaubt, durch solche Pflege der Sinnigkeit kommt Seelenruhe, Seelenharmonie, Befriedigung in das menschliche Leben. [GA 130, S. 130–131, 05.09.1911](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga130.pdf#page=130&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Märchenerzählungen im 1. Schuljahr wirken phantasieanregend und sind daher vom Kind nacherzählbar. GA 294 04.09.1919
Dann müssen wir aber vor allen Dingen suchen, daß im 1. Schuljahr viel von dem getrieben wird, was einfaches Sprechen mit den Kindern ist. Wir lesen ihnen womöglich wenig vor, sondern bereiten uns so gut vor, daß wir ihnen alles, was wir an sie heranbringen wollen, erzählen können. Wir versuchen dann zu erreichen, daß die Kinder nach dem von uns Erzählten, Gehörten nacherzählen können. Wir verwenden aber nicht Lesestücke, die die Phantasie nicht anregen, sondern wir verwenden möglichst Lesestücke, die recht stark die Phantasie anregen, namentlich Märchenerzählungen. Möglichst viel Märchenerzählungen. Und wir versuchen, indem wir lange mit dem Kinde dieses Erzählen und Nacherzählen getrieben haben, es dann ein wenig dahin zu bringen, in kurzer Art Selbsterlebtes nachzuerzählen. Wir lassen uns zum Beispiel irgend etwas, was das Kind gern selbst erzählt, von dem Kinde erzählen. Bei all diesem Erzählen, Nacherzählen, Erzählen von Selbsterlebtem entwickeln wir ohne Pedanterie die Überleitung des Dialekts in die gebildete Umgangssprache, indem wir einfach die Fehler, die das Kind macht - zuerst macht es ja lauter Fehler, nachher wohl immer weniger -, korrigieren. Wir entwickeln beim Kind im Erzählen und im Nacherzählen den Übergang von dem Sprechen des Dialektes zur gebildeten Umgangssprache. Das können wir machen, und trotzdem wird das Kind am Ende des 1. Schuljahres das Lehrziel erreicht haben, das heute von ihm verlangt wird. [GA 294, S. 175, 04.09.1919](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga294.pdf#page=175&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
## (5) 2. Jahrsiebt
##### Zahnwechsel = Freiwerden des Gedächtnisses; Pubertät = Freiwerden der Phantasie (Ideale). GA 303 04.01.1922
Dann aber tritt für sein Seelisch-Leibliches wiederum etwas Ähnliches ein wie beim Zahnwechsel. Beim Zahnwechsel sind diejenigen Kräfte freigeworden, die nach dem Denken, Fühlen, Wollen gehen, was sich mehr nach der Erinnerungsseite hin entwickelt. Die Erinnerungskraft wird gewissermaßen frei. Jetzt, bei der Geschlechtsreife, kommt etwas zu freier seelischer Tätigkeit, das vorher in den Rhythmus der Atmung hineingegangen ist, was sich von da aus noch bestrebte, Rhythmus in das Muskelsystem, sogar in das Knochensystem hineinzubringen. Dieses Rhythmische wird nun frei, und das wird frei als Empfänglichkeit des Jünglings oder der Jungfrau für ideale Gebilde, für das Phantasiemäßige. Die eigentliche Phantasie wird im Grunde mit der Geschlechtsreife erst aus dem Menschen herausgeboren, denn die eigentliche Phantasie kann erst dann geboren werden, wenn der von Zeit und Raum freie astralische Leib geboren wird, der ebenso wie die Träume Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach inneren Gesichtspunkten durcheinander gruppieren kann. [GA 303, S. 238–239, 04.01.1922](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga303.pdf#page=238&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Sinnbildende Phantasie des Kindes ansprechen beim Schreibenlernen. GA 311 13.08.1924
Dagegen hat das Kind von vornherein künstlerischen Sinn, sinnbildende Phantasie. An diese muß man appellieren, an diese muß man sich wenden. Und man muß versuchen, zunächst gar nicht an diese konventionellen Buchstaben heranzurücken, die in der Schrift und im Druck der zivilisierten Menschheit gegeben sind, sondern man muß zunächst versuchen, ich möchte sagen, in einer geistvollen Weise - verzeihen Sie, daß ich das Wort anwende - die Kulturentwickelung der Menschheit mit dem Kinde durchzumachen. Die Menschen haben ja früher Bilderschrift gehabt, das heißt, sie haben etwas auf das Blatt gemalt, was an den Gegenstand erinnerte. Wir brauchen nicht Kulturgeschichte zu studieren, aber wir können den Sinn und Geist desjenigen, was die Menschen mit der Bilderschrift wollten, vor das Kind hinbringen, dann wird sich das Kind dabei wie zu Hause fühlen. [GA 311, S. 31, 13.08.1924](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga311.pdf#page=31&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Didaktik: Schreibenlernen aus der eigen-entwickelten Phantasie des Lehrers heraus. GA 294 26.08.1919
Ich sagte, es ist nicht nötig, daß Sie Kulturgeschichte des Schriftwesens treiben und sich dort aufsuchen, was Sie brauchen. Denn was Sie sich dort aufsuchen, das dient Ihnen viel weniger im Unterricht als das, was Sie durch Ihre eigene Seelentätigkeit, durch Ihre eigene Phantasie finden. Die Tätigkeit, die Sie anwenden im Studium der Kulturgeschichte der Schrift, die macht Sie so tot, daß Sie viel weniger lebendig auf Ihren Zögling wirken, als wenn Sie sich so etwas wie das B aus dem Bilde des Bären selbst ausdenken. Dieses Selbstausdenken erfrischt Sie so, daß auf den Zögling das, was Sie ihm mitteilen wollen, viel lebendiger wirkt, als wenn Sie erst kulturhistorische Exkurse anstellen, um etwas für den Unterricht zu gewinnen. Und auf diese zwei Dinge hin muß man das Leben und den Unterricht betrachten. Denn Sie müssen sich fragen: Was ist wichtiger, eine kulturhistorische, mit aller Mühe zusammengestellte Tatsache aufgenommen zu haben und sie mühselig in den Unterricht hineingetragen zu haben, oder in der Seele selber so regsam zu sein, daß man die Erfindung, die man macht, im eigenen Enthusiasmus auf das Kind überträgt? - Freude werden Sie immer haben, wenn es auch eine recht stille Freude ist, wenn Sie von irgendeinem Tier oder einer Pflanze die Form, die Sie selbst gefunden haben, auf den Buchstaben übertragen. Und diese Freude, die Sie selbst haben, wird in dem leben, was Sie aus Ihrem Zögling machen werden. [GA 294, S. 71–72, 26.08.1919](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga294.pdf#page=71&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Die eigentliche Phantasie wird erst mit der Geschlechtsreife geboren. GA 303 04.01.1922
Dagegen ist das, was dann in normaler Weise selbständig herauskommen kann mit der Geschlechtsreife, was ich gestern den astralischen Leib genannt habe, was nicht mehr in Raum und Zeit eigentlich lebt, dasjenige, was sich vorzugsweise im sanguinischen Temperament auslebt. Und beim Kinde tritt die sanguinische Temperamentsnuance hervor, wenn zuviel hereingenommen wird in die Zeit vom Zahn Wechsel bis zur Geschlechtsreife von dem, was erst mit der Geschlechtsreife herauskommen soll. Der Mensch wird erst reif für den Sanguinismus, wenn er geschlechtsreif wird. Alles steht im Leben so, daß es seine normale Periode hat, und die verschiedenen Abnormitäten des Lebens treten dadurch ein, daß dasjenige, was für ein Lebensalter normal ist, eben in ein anderes anormalerweise hineingeschoben wird. Man lernt auf diese Weise den Menschen durch und durch verstehen, wenn man also das Leben überschauen kann. Nun, was tritt denn aber mit der Geschlechtsreife ein? Das tritt ein, was sich uns wiederum aus den Betrachtungen der vorangehenden Tage ergeben kann. Wir haben gesehen, auch noch mit dem schon bis zu einem gewissen Grade emanzipierten Geistig-Seelischen, das nach dem Zahnwechsel da ist, mit dem arbeitet der Mensch noch innerlich. Er arbeitet sich durch das Atmungs-, durch das Zirkulationssystem bis zum Knochenansatz der Muskeln durch. Er arbeitet sich ganz an seine menschliche Peripherie heran und bricht mit der Geschlechtsreife in die Außenwelt hinein. Er steht erst dann voll in der Außenwelt darinnen. Dadurch sind wir aber genötigt, uns ganz anders zu verhalten zu dem Jüngling und der Jungfrau, die durch das geschlechtsreife Alter hindurchgegangen sind, als wir uns früher zu dem Knaben und zu dem Mädchen haben verhalten können. Denn im Grunde genommen hat der ganze Prozeß, der sich im Menschen abspielt mit den freigewordenen geistig-seelischen Kräften vor der Geschlechtsreife, mit dem Geschlechte noch gar nichts zu tun. Er ist etwas nuanciert, aber er hat mit dem Geschlechte in Wirklichkeit noch gar nichts zu tun. Dasjenige, was mit dem Geschlechte zu tun hat, entwickelt sich eben erst, wenn der Mensch seinen Durchbruch in die Welt vollzogen hat, wenn er also mit der Welt in Zusammenhang getreten ist.
Dann aber tritt für sein Seelisch-Leibliches wiederum etwas Ähnliches ein wie beim Zahnwechsel. Beim Zahnwechsel sind diejenigen Kräfte freigeworden, die nach dem Denken, Fühlen, Wollen gehen, was sich mehr nach der Erinnerungsseite hin entwickelt. Die Erinnerungskraft wird gewissermaßen frei. Jetzt, bei der Geschlechtsreife, kommt etwas zu freier seelischer Tätigkeit, das vorher in den Rhythmus der Atmung hineingegangen ist, was sich von da aus noch bestrebte, Rhythmus in das Muskelsystem, sogar in das Knochensystem hineinzubringen. Dieses Rhythmische wird nun frei, und das wird frei als Empfänglichkeit des Jünglings oder der Jungfrau für ideale Gebilde, für das Phantasiemäßige. Die eigentliche Phantasie wird im Grunde mit der Geschlechtsreife erst aus dem Menschen herausgeboren, denn die eigentliche Phantasie kann erst dann geboren werden, wenn der von Zeit und Raum freie astralische Leib geboren wird, der ebenso wie die Träume Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach inneren Gesichtspunkten durcheinander gruppieren kann. [GA 303, S. 237-239, 04.01.1922](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga303.pdf#page=237&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Bei Beginn des Schulalters sollte auf die Phantasie des Kindes gebaut werden und nicht auf dessen Verstand: "Seelische Milch" geben. GA 311 12.08.1924
Das Kind hat mit sieben Jahren noch keinen Verstand, wer mit dem Verstande rechnen will, rechnet ganz falsch beim siebenjährigen Kinde, aber Phantasie hat es, und auf die Phantasie muß man rechnen. Es kommt da wirklich darauf an, daß man den Begriff entwickeln kann: «seelische Milch». Denn sehen Sie, nach der Geburt müssen Sie dem Kinde körperliche Milch geben. Das ist ein Nahrungsmittel, das alles übrige für das Kind in Mischung enthält. Das Kind nimmt die Milch auf und hat damit die ganze Nahrung. Jetzt müssen Sie dem Kinde nichts einzelnes geben, alles muß seelische Milch sein. Wenn das Kind den Zahnwechsel durchgemacht hat und in die Schule hereinkommt, muß alles, was man ihm darbietet, eine Einheit sein: seelische Milch. Das Kind einmal lesen lernen, einmal schreiben lernen lassen, ist gerade so, wie wenn Sie die Milch erst chemisch in zwei Teile spalten und ihm dann das eine und dann das andere eingeben würden. Lesen, Schreiben, alles muß eine Einheit sein. Seelische Milch - der Begriff muß erfunden werden für die Kinder, wenn sie in die Volksschule hereinkommen. [GA 311, S. 22, 12.08.1924](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga311.pdf#page=22&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Bis zum 9. Lebensjahr unterscheidet das Kind nicht zwischen sich und seiner Umgebung. Alles ist in Phantasie getaucht. Durch beseelte Darstellung der Natur wird das Kind gestärkt. GA 307 13.08.1923
Das Kind lernt sich selber von der Außenwelt erst zwischen dem neunten und zehnten Jahr unterscheiden. Daher handelt es sich darum, daß man alle Außendinge für das Kind, wenn es in die Schule hereinkommt, in eine Art lebendiger Wesen verwandelt, daß man nicht von Pflanzen spricht, sondern daß man spricht von den Pflanzen als lebenden Wesen, die einem selber etwas sagen, die einander etwas sagen, daß alle Naturbetrachtung, alle Menschheitsbetrachtung im Grunde genommen in Phantasie gegossen wird. Die Pflanzen sprechen, die Bäume sprechen, die Wolken sprechen. Und das Kind darf eigentlich in diesem Lebensalter einen Unterschied zwischen sich und der Welt gar nicht fühlen. Es muß in ihm künstlerisch das Gefühl erzeugt werden, daß es selber sprechen kann, daß die Gegenstände um es herum auch sprechen können. Je mehr wir dieses Aufgehen des Kindes in der ganzen Umgebung erreichen, je mehr wir in der Lage sind, von allem, von Pflanze, Tier, Stein so zu reden, daß überall darinnen ein Sprechend-Webend-Geistiges an das Kind heranweht, desto mehr kommen wir dem entgegen, was das Kind in diesem Lebensalter aus dem Inneren seines Wesens heraus eigentlich von uns fordert, und wir erziehen dann das Kind in der Art, daß gerade in den Jahren, in denen das Gefühlsleben übergehen soll in Atmung und Blutkreislauf, in die Bildung der Gefäße, übergehen soll in den ganzen menschlichen Organismus, tatsächlich auch das Gefühlsleben für unsere Zeit richtig angesprochen wird, so daß das Kind in naturgemäßer Weise sich auch innerlich organisch gefühlsmäßig stark entwickelt. [GA 307, S. 158, 19.08.1923](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga307.pdf#page=158&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Durch lebendige, anschauliche Bilder und konkrete Vorstellungen wird die Phantasie in Anspruch genommen. GA 295 05.09.1919
Ich würde Sie nur bitten, recht anschaulich das alles zu bringen, recht lebendig zu verfahren, damit die Kinder innerlich anschauliche Bilder bekommen, so daß die Kinder förmlich alles greifen können. Sie müssen die Phantasie in Anspruch nehmen und solche Dinge benützen, wie ich sie Ihnen gezeigt habe bei dem Konkretmachen der Zeit. Man hat tatsächlich nichts davon, zu wissen, in welchem Jahre zum Beispiel die Schlacht bei Zama gewesen ist und so weiter, aber wenn man sich vorstellt, wenn man weiß, daß Karl der Große zum dreißigsten Vorfahren hinaufreicht, wenn man sich durch die Generationen hindurch die Hände reichen würde, dann erhalt man dadurch eine anschauliche, konkrete Vorstellung von der Zeit. Da rückt diese Zeit viel näher - ja freilich, sie rückt viel näher! -, wenn man weiß, daß Karl der Große bis zum dreißigsten Vorfahren hinauf zu finden ist. [GA 295, S. 148, 05.09.1919](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga295.pdf#page=148&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Ab dem Zahnwechsel streift der Ätherleib die äußere Hülle ab und der Erziehende kann durch geregeltes Lenken der Phantasie auf den Ätherleib entwickelnd einwirken. GA 034 01.05.1907
Mit dem Zahnwechsel streift der Ätherleib die äußere Ätherhülle ab, und damit beginnt die Zeit, in der von außen erziehend auf den Ätherleib eingewirkt werden kann. Man muß sich klarmachen, was von außen auf den Ätherleib wirken kann. Die Umbildung und das Wachstum des Ätherleibes bedeutet Umbildung beziehungsweise Entwickelung der Neigungen, Gewohnheiten, des Gewissens, des Charakters, des Gedächtnisses, der Temperamente. Auf den Ätherleib wirkt man durch Bilder, durch Beispiele, durch geregeltes Lenken der Phantasie. Wie man dem Kinde bis zum siebenten Jahre das physische Vorbild geben muß, das es nachahmen kann, so muß in die Umgebung des werdenden Menschen zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife alles das gebracht werden, nach dessen innerem Sinn und Wert es sich richten kann. Das Sinnvolle, das durch das Bild und Gleichnis wirkt, ist jetzt am Platze. Der Ätherleib entwickelt seine Kraft, wenn eine geregelte Phantasie sich richten kann nach dem, was sie sich an den lebenden oder dem Geiste vermittelten Bildern und Gleichnissen enträtseln und zu seiner Richtschnur nehmen kann. Nicht abstrakte Begriffe wirken in der richtigen Weise auf den wachsenden Ätherleib, sondern das Anschauliche, nicht das Sinnlich-, sondern das Geistig-Anschauliche. Die geistige Anschauung ist das richtige Erziehungsmittel in diesen Jahren. Daher kommt es vor allen Dingen darauf an, daß der junge Mensch in diesen Jahren in seinen Erziehern selbst Persönlichkeiten um sich hat, durch deren Anschauung in ihm die wünschenswerten intellektuellen und moralischen Kräfte erweckt werden können [GA 034, S. 328–329, 01.05.1907](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga034.pdf#page=328&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Künstlerisch gestalteter Unterricht regt die Phantasie an, was wiederum das Verständnis für Dichterisches usw. begünstigt. GA 307 08.08.1923
Man glaubt gewöhnlich gar nicht, wie intensiv gerade das Kind zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre nach der Hinorientierung des Spielerischen nach dem Künstlerischen verlangt, wie das in der menschlichen Natur liegt, und wie es die größte Wohltat ist für das ganze Leben des Menschen, wenn man den künstlerischen Sinn in diesem Lebensalter nicht vernachlässigt. Es ist nicht nötig, daß man dabei irgendwie ästhetisierend verfährt, die Kinder zu allerlei künstlerischen Dilettanten macht, sondern es ist durchaus möglich, daß man das, was man da künstlerisch mit den Kindern pflegt, immer hinüberleitet zu demjenigen, was dann als Grundlage des Lebens dienen muß. Und so wird bei uns das Künstlerische dadurch namentlich gepflegt, daß es zum treibenden Impuls des ganzen Unterrichtes besonders auch bei den kleinen Kindern gemacht wird. Die Phantasie wird auf diese Weise hervorgeholt. Das Kind wird erfinderisch, indem es malen muß, plastisch tätig sein muß. Dasjenige, was da aus dem Kinde herausgeholt wird, das regt es wieder an zum Verständnis des Dichterischen und so weiter. Durch diese Harmonisierung und, ich möchte sagen, Totalisierung, daß man wirklich den Unterricht hinbringt bis zu dem Künstlerischen, dadurch schließt man wirklich den Unterricht als etwas wirklich Organisches auf und zusammen. [GA 307, S. 270, 08.08.1923](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga307.pdf#page=270&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Die Sinnesorgane nehmen im 2. Jahrsiebt Bilder auf, die innerlich nicht zu Gedanken werden, sondern sich zu Phantasiebildern verwandeln. GA 311 13.08.1924
Aus dem Wesen der Phantasie heraus muß also zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife erzogen werden. Man möchte sagen, dasjenige, was bei dem Kinde in den ersten Jahren da ist, daß es ganz Sinnesorgan ist, das wird mehr verinnerlicht, seelisch. Die Sinnesorgane denken ja nicht. Die Sinnesorgane nehmen Bilder wahr, oder vielmehr sie formen Bilder aus den äußeren Gegenständen. Auch wenn dasjenige, was das Kind als Sinnesorgan hervorbringt, zunächst seelisch wird, so wird nicht ein Gedanke daraus, sondern ein Bild, wenn auch ein seelisches, ein Phantasiebild. Daher muß man in Bildern arbeiten vor dem Kinde. [GA 311, S. 30, 13.08.1924](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga311.pdf#page=30&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
## (6) Lehrer-Kind
##### Phantasiebilder wachsen mit dem Kind. GA 304a 30.08.1924
Wir sollen dem Kinde aus der Phantasie herausgeholte Bilder geben, die wachsen mit dem Kinde. Und darauf kommt es an, daß wir eine Erziehung geben, die die Seele so wachsen läßt, wie die Natur das fordert, wie der Leib wächst. Nur wenn wir selber als Lehrer solche Lebendigkeit haben, die Phantasie überall hineinzubringen, dann bringen wir dem Kinde lebendige Begriffe bei. [GA 304a, S. 175, 30.08.1924](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga304a.pdf#page=175&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Umgang mit dem unterschiedlichen Phantasie/Gedächtnis - Kindertypus. Phantasiereiche und phantasiearme Kinder. GA 302 15.06.1921
Nun handelt es sich darum, diese Dinge noch genauer anzuwenden. Wir haben in der Schule durcheinander Kinder, welche phantasiearm sind, und solche, welche etwas phantasiereicher sind. Wir brauchen dabei nicht gleich zu denken, daß nun die Hälfte der Schulkinder Dichter sind und die andere Hälfte keine Dichter sind. Man bemerkt das weniger an der eigentlichen Phantasietätigkeit als an der Entfaltung des Gedächtnisses. Das Gedächtnis ist ja sehr verwandt der Phantasietätigkeit. Denn wir haben Kinder - und wir sollten das beobachten -, welche die Bilder desjenigen, was sie erlebt, gehört haben, rasch vergessen; die Bilder verschwinden leicht. Und andere Kinder haben wir, bei denen bleiben die Bilder, bilden sich geradezu zu selbständiger Macht aus, und sie kommen ungewollt fortwährend herauf. Es ist gut, zu beobachten, daß es diese zwei Typen gibt. Selbstverständlich gibt es alle möglichen Übergänge. Wenn wir phantasiereiche Kinder vor uns haben, dann bedeutet das nichts anderes, als daß sie ein Gedächtnis haben, das so wirkt, daß die Dinge verwandelt heraufkommen. Aber viel häufiger ist es, daß sie nicht verwandelt heraufkommen, sondern als Reminiszenzen heraufkommen, so daß die Kinder also Gefangene sind desjenigen, was sie aufgenommen haben. Und dann gibt es solche, bei denen alles wiederum verschwindet.
Nun handelt es sich darum, daß wir diese Kindertypen in der entsprechenden Weise zu behandeln wissen. Wir haben ja wirklich die Möglichkeit, eine Kindergruppe in der mannigfaltigsten Weise zu beschäftigen, wenn wir uns eine Routine im besten Sinne des Wortes dafür aneignen, Routine im geistigen Sinn. Und da ist es gut, daß wir bei Kindern, die ein schlechtes Gedächtnis haben, die also die Bilder nicht heraufkriegen, versuchen, daß sie beim Lesen mehr beobachten, daß sie mehr auf das Zuhören des Erzählten Wert legen, während wir bei solchen Kindern, von denen wir sehen, daß sie geradezu Gefangene der Vorstellungen sind, die sie aufgenommen haben, mehr auf das Schreiben, auf das Üben, auf das In-Bewegung-Kommen Rücksicht nehmen. Also, wir sollten geradezu versuchen, eine größere Kindergruppe so zu beschäftigen, daß wir der einen Hälfte, der phantasiearmen Hälfte Gelegenheit geben, das Lesen und das Beobachten zu pflegen. - Natürlich nur mehr, die Dinge sind ja alle relativ. - Bei den phantasiereicheren Kindern sollten wir das Malen, das Schreiben besonders pflegen.
Das können wir dann noch weiter ausdehnen. So ist es von ganz besonderer Wichtigkeit, daß man folgendes zum Beispiel beobachtet - wir können uns die Dinge nur allmählich aneignen, weil wir vor dem ersten Jahr nicht alles haben durchnehmen können -: es ist gut, bei phantasiearmen Kindern, also bei denjenigen Kindern, die ihre Bilder nicht leicht herauf bringen, darnach zu trachten, eurythmische Übungen mehr im Stehen machen zu lassen, also vorzugsweise mit den Armen. Bei den phantasiereicheren, die geplagt werden von ihren Vorstellungen, wird es besonders günstig sein, wenn wir den ganzen Körper in Bewegung bringen durch Laufen, Schreiten, Gehen. Da können wir auch durchaus nachhelfen, und das ist außerordentlich wichtig, daß wir solche Dinge wirklich auch beachten. Es ist auch noch das zu sagen, daß besonders das Konsonantische zu üben sehr gut ist für die Kinder, die phlegmatischer sind in bezug auf das Heraufbringen von Vorstellungen, die also die Vorstellungen weniger stark heraufbringen. Und bei denen, die geplagt werden von ihren Vorstellungen, ist es gut, viel Vokalisierendes eurythmisch üben zu lassen. Man kann beobachten, daß beim Vokalisieren der Kinder in der Tat das Heraufgeholtwerden der Vorstellungen aus dem Organismus gerade beruhigt wird, während sie beim Konsonantisieren heraufgeholt werden; so daß man diejenigen, die phantasiearm sind, die also nicht geplagt werden von ihren Vorstellungen, die leicht vergessen, konsonantisch eurythmisieren läßt, die anderen, die geplagt werden von ihren Vorstellungen, vokalisierend eurythmisieren läßt. Wenn man solche Sachen beachtet, kann man viel hineinbringen in eine Kindergruppe. Dann möchte ich noch erwähnen, daß es auch für das Musikalische sehr gut ist, wenn man sich eine Vorstellung davon verschafft, wie die Kinder eben nach dieser Richtung beschaffen sind, ob phantasiearm, phantasiereich - also mit dieser Übertragung aufs Gedächtnis. Man beschäftigt dann die Kinder, wenn sie phantasiearm sind, also ihre Vorstellungen schwer heraufbringen können, damit, mehr instrumental das Musikalische zu pflegen, während man die Kinder, die phantasiereich sind, also von ihren Vorstellungen leicht geplagt werden, auch im Extrem, mehr singend beschäftigt. Es wäre ja ein Ideal, wenn wir es schon so einrichten könnten - wir brauchten natürlich die nötigen Räumlichkeiten -, daß wir die Kinder gleichzeitig musizierend und singend beschäftigen könnten. Wenn dies Doppelte, das so ungeheuer auf die Kinder wirken könnte, das Anhören des Musikalischen und das Betätigen des Musikalischen, durcheinanderwirkt, so wirkt es ungeheuer harmonisierend. [GA 302, S. 63–65, 15.06.1921](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga302.pdf#page=63&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Das rhythmische System wird mit der bildhaften, phantasievollen Unterrichtsweise nicht überansprucht. GA 311 19.08.1924
Man muß dazu kommen, für das Kind in der Volksschule nur das rhythmische System zu beanspruchen. Und für dieses rhythmische System, das nie ermüdet, das gar nicht angestrengt wird, wenn man es in der entsprechenden Weise beschäftigt, braucht man nicht das Intellektuelle, sondern das Bildhafte, das, was aus der Phantasie kommt. Daher müssen Sie in der Schule unbedingt die Phantasie walten lassen. Auch noch in den letzten Jahren, von 112A bis zum 14. Jahre, auch da noch das Tote durch die Phantasie lebendig machen, an das Leben anknüpfen! Man kann durchaus die Möglichkeit gewinnen, alle physikalischen Erscheinungen an das Leben anzuknüpfen. Dazu muß man eben Phantasie haben; das ist dasjenige, was notwendig ist. Weiter wird es sich darum handeln, daß man diese Phantasie vor allen Dingen in dem walten läßt, was man den Aufsatz nennt, wenn das Kind einen Aufsatz schreiben soll, selber etwas ausarbeiten soll. Da handelt es sich darum, daß man nichts von dem Kinde aufsatzmäßig verarbeiten läßt, was man nicht zunächst wirklich genau durchgesprochen hat, so daß das Kind mit der Sache bekannt ist. Und man soll über die Sache von sich aus als Lehrer- und Erzieherautorität gesprochen haben. Dann soll das Kind unter dem Einfluß dessen, was man selbst gesprochen hat, seinen Aufsatz liefern. Davon soll man auch nicht abgehen in den letzten Jahren vor der Geschlechtsreife. Auch da soll man nicht das Kind blind darauflos schreiben lassen, sondern in ihm das Gefühl erwecken, es sollte nichts in dem Aufsatz stehen, was ihn nicht in der Stimmung erhält, die dadurch in ihm hervorgerufen worden ist, daß der Gegenstand des Aufsatzes mit dem Lehrer oder Erzieher besprochen worden ist. Auch da muß Lebendigkeit walten. Die Lebendigkeit des Lehrers muß auf die Lebendigkeit des Kindes übergehen. [GA 311, S. 118, 19.08.1924](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga311.pdf#page=118&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Das Kind durchschaut den Lehrer. Phantasie belebt, Verstand verödet. GA 311 13.08.1924
Dafür hat das Kind gerade zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife das allerfeinste Gefühl, ob im Lehrer der Verstand oder die Phantasie waltet. Der Verstand wirkt verödend, verschrumpfend auf das Leben des Kindes, während die Phantasie belebt, anregt. [GA 311, S. 40, 13.08.1924](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga311.pdf#page=40&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Die Phantasie geht tiefer in die Wirklichkeit hinein, als es der Verstand vermag. GA 311 19.08.1924
Das ist dasjenige, was ich auch hier besonders erwähnen will, daß Sie tatsächlich darauf sehen, daß nichts in den Unterricht und die Erziehung hineinkommt, was nicht in irgendeiner Weise an das Leben anknüpft. Das muß auch immer berücksichtigt werden, wenn das Kind dazu angehalten wird, selber irgend etwas zu beschreiben. Man soll dem Kinde jederzeit bemerklich machen, wann es von der Wirklichkeit abirrt. Der Verstand geht niemals so tief in die Wirklichkeit hinein wie die Phantasie. Die Phantasie kann irren, aber sie geht in die Wirklichkeit hinein; der Verstand bleibt eigentlich immer an der Oberfläche haften. Und daher ist es für den Lehrer so unendlich notwendig, selbst wirklichkeitsgemäß in der Klasse drinnen zu stehen. Damit der Lehrer selbst wirklichkeitsgemäß in der Klasse drinnenstehen kann, haben wir in der Waldorfschul-Pädagogik die Lehrerkonferenz als Seele des ganzen Unterrichtes. In dieser Lehrerkonferenz, wo die Lehrer vereinigt sind, bringt jeder dasjenige, was er selbst an seiner Klasse, an der Summe seiner Kinder gelernt hat, so daß jeder vom andern lernen kann. Und keine Schule lebt, in der nicht in dieser Weise die Konferenz, die Versammlung der Lehrer von Zeit zu Zeit das Allerwichtigste ist. [GA 311, S. 121–122, 19.08.1924](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga311.pdf#page=121&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
##### Ausbildung der Phantasiekräfte durch Unausgesprochenes. GA 294 05.09.1919
Das sind solche Dinge, die Sie ganz gründlich als Unterrichtende, als Lehrende in sich aufnehmen müssen. Versuchen Sie, nur ja nicht zu viel zu tun, sagen wir im Beschreiben der Pflanzen. Versuchen Sie gerade den Pflanzenunterricht so zu geben, daß noch viel übrigbleibt für die Phantasie der Schüler, daß das Kind noch viel, viel aus der Empfindung heraus sich phantasievoll ausbilden kann über dasjenige, was als seelische Beziehungen waltet zwischen der menschlichen Seele und der Pflanzenwelt. Wer gar zu viel von dem Anschauungsunterricht fabelt, der weiß eben nicht, daß es dem Menschen Dinge beizubringen gibt, die sich eben nicht äußerlich anschauen lassen. Und wenn man versucht, durch Anschauungsunterricht dem Menschen Dinge beizubringen, die man ihm eigentlich beibringen sollte durch moralische, gefühlsmäßige Wirkung auf ihn, so schadet man ihm gerade durch den Anschauungsunterricht. Man darf eben nicht vergessen, daß das bloße Anschauen und Veranschaulichen sehr stark eine Beigabe unserer materialistischen Zeitgesinnung ist. Natürlich muß man die Anschauung da, wo sie am rechten Platz ist, pflegen, aber man darf nicht dasjenige in Anschauung umwandeln, was dazu geeignet ist, eine moralisch-gemütvolle Wirkung von dem Lehrer auf den Schüler ausgehen zu lassen. [GA 294, S. 191–192, 05.09.1919](https://akanthosakademie.files.wordpress.com/2023/06/ga294.pdf#page=191&view=Fit), [[Phantasie_mit_Links.pdf|Mindmap PDF]]
## Literatur
GA 004: Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. Dornach (1995).
GA 034: Lucifer-Gnosis 1903-1908. Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie und Berichte aus der Zeitschrift "Luzifer" und "Lucifer-Gnosis". Dornach (1987).
GA 036: Der Goetheanumgedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart. Gesammelte Aufsätze 1921-1925 aus der Wochenschrift "Das Goetheanum.". Dornach (1961).
GA 084: Was wollte das Goetheanum und was soll die Anthroposophie? Dornach (1986).
GA 099: Die Theosophie des Rosenkreuzers. Dornach (1985).
GA 127: Die Mission der neuen Geistesoffenbarung. Das Christus-Ereignis als Mittelpunktgeschehen der Erdenevolution. Dornach (1989).
GA 198: Heilfaktoren für den sozialen Organismus. Dornach (1984).
GA 199: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung. Dornach (1985).
GA 218: Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus. Dornach (1992).
GA 271: Kunst und Kunsterkenntnis. Grundlagen einer neuen Ästhetik. Dornach (1985).
GA 276: Das Künstlerische in seiner Weltmission. Der Genius der Sprache. Die Welt des sich offenbarenden strahlenden Scheines. Anthroposophie und Kunst. Anthroposophie und Dichtung. Dornach (2002).
GA 293: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. Dornach (1992).
GA 294: Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches. Dornach (1990).
GA 295: Erziehungskunst. Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge. Dornach (1984).
GA 302: Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung. Dornach (1986).
GA 303: Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens. Eine Einführung in die anthroposophische Pädagogik und Didaktik. Dornach (1987).
GA 304a: Anthroposophische Menschenkunde und Pädagogik. Dornach (1979).
GA 307: Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung. Dornach (1986).
GA 311: Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit. Dornach (1989).